Ethik/Kritik zu IVF/ICSI
Tani

Hallo!

Ich bin grad dabei, mir Gedanken zu machen, ob wir zum gegebenen Zeitpunkt IVF/ICSI durchführen lassen sollen oder nicht. Ich hatte erst eine Endo-OP und nun wieder die Chance, auf natürlichem Wege schwanger zu werden. Falls das nicht klappt, dann käme Insemination in Frage...Die Kinderwunschpraxis hat empfohlen, sofort in die Vollen zu gehen, wir sind ja noch jung (29/31) und haben gute Aussichten auf erfolgreiche IVF/ICSI.
Ich habe so meine Bedenken gegenüber IVF/ICSI - man pfuscht doch der Natur ins Handwerk, oder nicht? Man umgeht bestimmt biologische Prozesse, die doch durchaus Ihren Sinn haben und nicht zum Spass existieren. Außerdem lese ich immer mehr kritische Berichte zu den Konsequenzen (erhöhte Fehlbildungsrate, verzögerte Entwicklung ...). Die seelischen und körperlichen Torturen schrecken mich ab. Ist das nicht ein höllisches Wechselbad der Gefühle? Enormer Stress, Hoffnung, Sorge, usw. Kann man jemals richtig entscheiden, ob man bei einer evtl. Mehrlingsschwangerschaft Kind(er) aufgibt, um zumindest eins bis zur Geburt zu retten? Ich stelle mir ganz bewusst die fiktive Worst-Case Frage:Könnte ich es später meinem Kind gegenüber verantworten, aufgrund dem elterlichen Egoismus aus IVF/ICSI entstanden zu sein, wenn das Kind ein überlebendes von ursprünglich Dreien ist und dazu behindert?

Mir ist bewusst, dies ist ein heikles Thema und bisher hab ich noch nichts kritisches im Forum gelesen. Ich habe aber den Eindruck, dass dies generell von seiten der Medizin bewusst auf Sparflamme gekocht wird. Ich werde auch nicht den Eindruck los, dass die wahren Gründe für die IVF/ICSI Empfehlung aus der Kinderwunschpraxis pure Geldmacherei ist. Klar, ein junges Paar mit "besten" Voraussetzungen bessern potetiell jede Statistik aus der Kinderwunschpraxis auf....und für jede noch so spezielle Frage war gleich eine Antwort parat - sowie völliges Unverständnis auf ethische Fragen.

Ich hoffe, ich habe die einen oder anderen nicht verunsichert, aber ich denke, jedes Paar macht sich über solche Dinge Gedanken, bevor Sie den Schritt zur IVF/ICSI gehen und können mir aus Ihrer Erfahrung berichten.

Ich würde mich auf zahlreiche Rückmeldungen freuen.



Re: Ethik/Kritik zu IVF/ICSI
Anna

Hallo Tani,

da hast du ja eine ganz gute Diskussion im Forum begonnen.

Ich war früher auch immer aus moralischen Gründen gegen eine künstliche Befruchtung und konnte gar nicht verstehen, warum nicht mehr Menschen Kinder adoptieren. Jetzt, wo ich selbst vor der Entscheidung stehe, denke ich ein bischen anders darüber (allein schon deshalb, weil es gar nicht so einfach ist, in Deutschland Kinder zu adoptieren und weil einem keiner sagt, dass man nie Kinder bekommen wird, sondern immer noch theoretisch die Möglichkeit besteht).

Ich habe bereits eine Zoladexbehandlung hinter mir und wieder sind einige Monate vergangen, ohne dass es auf natürliche Weise mit dem Schwangerwerden geklappt hat. Da sich die Endo wieder ausbreitet, ist es ein Wettlauf gegen die Zeit. Meine Ärztin hat mir auch nahe gelegt, es doch möglichst bald mit der IVF zu versuchen.

Die Zoladexbehandlung ist meines Erachtens ebenfalls ein ganz schöber Eingriff in die Biologie, wie eben auch die Pille. Das alles nehmen wir in Kauf, also kann man ach die IVF in Kauf nehmen. Zu der Überzeugung bin ich jedenfalls inzwischen gekommen.

Das Problem ist bei den meisten Betroffenen die Durchlässigkeit und Beweglichkeit der Eileiter, und die kann man ja nicht alle 4 Wochen durchspülen. Also gibt die IVF vielleicht doch eine größere Chance, schwanger zu werden. Ausserdem sollte man doch jedenfalls nichts unversucht lassen, oder?

Ich glaube übrigens nicht, dass es Geldschneiderei von Ärzten ist, sondern schlichtweg eine Möglichkeit, die sich den betroffenen Paaren bietet. Die Entscheidung, ob man sie nutzen will, muss man schon selbst treffen.

Man sollte sich aber wohl auch bewusst sein, dass die IVF auch nicht immer zum Erfog führt. Auf einigen Internetseiten hier wird von einer 30 % Erfolgsrate gesprochen, wobei ich denke, dass mit "Erfolg" die Schwangerschaft und nicht die Geburt gemeint ist, also die Fehlgenurtenrate noch abzuziehen ist. Und in 50 % aller Fälle sind die Frauen letztendlich doch auf natürlichem Weg (Behandlungspausen z.B.) schwanger geworden.

Zu den seelischen Belastungen kann ich nur sagen, dass die seelischen Belastungen, es auf natürlichem Wege zu versuchen, und erneut Zoladex gespritzt zu bekommen, auch nicht gerade ohne sind.

Aber wie gesagt, wir sind auch noch nicht ganz entschieden und hoffen noch, dass uns die Entscheidung abgenommen wird....

Mich würde interessieren, was Frauen durchgemacht haben, die es mit der IVF probiert haben.

Bis dahin allen erstmal ein gutes neues Jahr.

Anna



Re: Ethik/Kritik zu IVF/ICSI
Liane

Hallo Tani,

Ich kann Deine Gedanken mehr als gut verstehen, da ich auch unendlich mit mir gekämpft habe sowas anzugehen. Leider mußte ich den Versuch wagen weil es bei meinem Mann auch Probleme gab. Ich bin ehrlich gesagt nach drei erfolglosen Versuchen noch skeptischer. Bei mir ist allerdings die Ausgangssituation (Endo, Verwachsungen mit Darm, Eierstockzysten) nicht!!! bekannt gewesen.

Durch die Hormonbehandlungen der ivf und icsi-Behandlungen ist alles schlimmer geworden! Es wäre wichtig, daß tatsächlich vorher alles stimmt, d.h Du und Dein Mann sollten auch auf folgendes getestet sein:(weis ich jetzt)
Frau: 1. Eisprünge 2. Eileiterdurchlässigkeit 3. Sperma-Antikörper; Mann: 1. Spermiogramm 2. Sperma-Antikörper 3. Hormonanalyse
Fangt vorher nicht an, das kann Euch viel Kummer ersparen! Bei uns haben sich im Glas Ei und Sperma nicht verbunden, auch icsi hat nicht geklappt.
Die Behandlungen an sich fand ich seelisch sehr stressig, besonders die Frau muß ständig auf dem Sprung sein in die Praxis zu kommen. Auch für den Mann kann das promematisch sein spontan zu kommen und seinen Samen zu liefern. Wir haben beide sehr gelitten.

Das Entscheidendste ist abzuwägen wie wichtig Euch ein eigenes Baby ist und erst damit anzufangen, wenn Ihr wirklich überzeugt seid, daß eine künstliche Befruchtung richtig ist für Euch beide!! Seelische Skepsis bis Ablehnung kann zusätzlich blockierend wirken auf den Erfolg, also seid ganz behutsam mit Euch selbst!! (ich habe gehört, daß die natürliche Fruchtbarkeit der Frau auch durch Einnahme von Propolis (Kittharz der Bienen) erfolreich gefördert werden kann)

Generell finde ich es hoffnungsvoll, daß sozusagen medizinisch aussichtslose Fälle(Paare), doch noch eine Möglichkeit haben eventuell Ihre Elternbedürfnisse erfüllt zu sehen. Ihr müßt Euch aber vorher darauf einstellen, daß ihr einige Versuche mitmachen müßt.(ab 6 Versuchen steigert sich die Wahrscheinlichkeit erheblich) Das bedeutet sehr viel Geduld und Frustationsvermögen. Als Frau habe ich in einem Jahr durch die Behandlung 9 Kilo zugenommen. (ich habe jetzt allerdings Idealgewicht!) Eine Schwester meiner Freundin hat mit 35 auf diesem Weg jetzt ein Pärchen bekommen (nach 2!! Versuchen in Amerika)

Ihr müßt die Behandlungen auch Eure Ärzte bei der Krankenkasse beantragen, es werden ab diesem Jahr nur noch drei Versuche bezahlt. Wir waren über 40 und mußten alles selbst bezahlen.

Vielleicht hilft Euch das auch ein Stück weiter, wie gesagt ich hatte nicht diese Voraussetzungen wie Du, daher kann ich auch nicht groß begeistert berichten.
Viel Erfolg und gute Eingebungen für Eure Entscheidung!!
Liane



Re: Ethik/Kritik zu IVF/ICSI
Tani

Hallo Liane & Anna,

danke für Eure Kommentare. Es ist gar nicht so einfach, cool zu bleiben. Da kommt z.B. die "Schwägerin" ums Eck und wird mal so ungewollt schwanger und bemitleidet mich vor versammelter Familie, die noch gar nichts wusste über unsere Fehlversuche, Ihr tut es ja sooo leid um mich.. Dann wird ständig im Bekannten-& Verwandtenkreis nachgebohrt...da hab ich mir gedacht, ich geh auf frontal und sag jedem gleich direkt was los ist. Und das klappt, alle wissen Bescheid über Endo und unseren Kinderwunsch und niemand stellt unangenehme Fragen.

Das wusste ich auch nicht, dass die vorbereitende Hormontherapie sich negativ auf Endo auswirken kann.
Dein Rat, Liane, erst andere Dinge abklären zu lassen (Antikörper usw.) deckt sich mit meiner Meinung.

Zu den Kosten, wir sind zwar schon 10 jahre zusammen, aber nicht verheiratet. Irgendwie ist man nach 10 jahren schon wieder über den Punkt hinweg für solche "Späße". Ich weigere mich derzeit, zu heiraten, denn zurzeit bin ich diejenige, die offensichtlich unfruchtbar ist. Dies zu wissen bei einer Heirat, ist für mich irgendwie Betrug am Partner und dessen Familie - da bin ich ganz eigen. Sobald Nachwuchs im Anmarsch ist, bin ich gleich für eine Ehe.
Aber um IVF/ICSI usw. von den Krankenkassen bezahlt zu bekommen, muss man verheiratet sein! Naja, vielleicht bringt die Zukunft Fakten, die mich umstimmen.....



Re: Ethik/Kritik zu IVF/ICSI
Maria

Hallo Tani,

ich habe seit 15 Jahren schwere Endo mit vielen Op's hinter mir und ich wurde all die Jahre nicht schwanger.
Vor 3 Jahren habe ich mich entschlossen,IVF zu probieren.
Ich musste natuerlich Hormone nehmen/spritzen und es war schon anstrengend und nervenaufreibend.Aber-es hat sofort geklappt und ich habe einen gesunden 2-jaehrigen Sohn.Er ist keineswegs in der Entwicklung 'gehemmt',sondern in Gegenteil,konnte er frueher laufen und v.a. sprechen als die meisten anderen Kinder in seinem Alter.Er macht viel Freude und mir geht es einfach psychisch viel besser seit seiner Geburt-und das wiederum hat meine Endo-Beschwerden enorm verringert.
Ich wuerde jedem mit starkem Kinderwunsch raten,es zu probieren-es ist doch zumindest eine gut Chance.
Alles Gute-Maria



Re: Ethik/Kritik zu IVF/ICSI
Anna

Hallo Tani,

ich würd ganz gern nochmal was dazu sagen, dass du oben den Fall schilderst, dass man womöglich entscheiden muss, bei einer Mehrlingsschwangerschaft Kinder abzutreiben und eines zu retten.

Es ist in Deutschland zwar zulässig, drei Embrionen einzupflanzen, aber es ist inzwischen meines Wissens nach schon üblich geworden, nur zwei befruchtete Eizellen zu nehmen, um eben die Drillingsschwangerschaft auszuschließen. Ich denke, diese Entscheidung sollte VOR der k. Befruchtung fallen - für mich wäre es jedenfalls unvorstellbar, ein Kind abzutreiben, lieber würde ich eine Mehrlingsgeburt in Kauf nehmen.

Danke, Maria, dass auch mal positive Erfahrungsberichte hier im Forum geschrieben werden. Das ermutigt doch!

Anna